Britta Haßelmann (rechts), Bundestagsabgeordnete der Grünen, berichtet über den Planungsstand zur Trasse auf Bundesebene. V.l.: Anke Grotjohann, Bürgermeisterkandidatin in Porta und Melanie Hövert, verkehrspolitische Sprecherin der grünen Fraktion im Kreistag.

„Diese Trasse ist kein Gewinn!“

Bereisung zum geplanten Neubau der Bahnstrecke Bielefeld – Hannover in Porta Westfalica

 

Hier eine kurze Zusammenfassung unserer Veranstaltung:

 

Deutschlandtakt, Trassenneubau, Bund

Die Diskussion um eine geplante Hochgeschwindigkeitsstrecke der Bahn zwischen Hamm und Hannover nimmt Fahrt auf. Sie ist im kürzlich veröffentlichten 3. Entwurf des „Deutschlandtaktes“ enthalten. Dieses Konzept sieht im Grundsatz vor, die Fahrzeiten der Nah- und Fernverkehrszüge so aufeinander abzustimmen, dass sich die Züge an definierten Knotenpunkten – z.B. Hamm und Hannover –alle 30 oder 60 Minuten treffen, um Umsteigezeiten zu verkürzen. Ebenso soll die Infrastruktur so ausgebaut werden, dass eine Verdopplung des Bahnverkehrs möglich ist. „Grundsätzlich begrüßen die Grünen im Bundestag diese Idee“ erklärt die grüne Bundestagsabgeordnete Britta Haßelmann. Allerdings gebe das Bundesverkehrsministerium trotz Nachfragen keine Informationen über den Trassenverlauf heraus, kritisiert sie.

 

Eckdaten zur Trasse

Eckpunkte jedoch sind bekannt: Die bisher benötigte Fahrtzeit der ICEs von 78 Minuten zwischen Hamm und Hannover soll auf 54 Minuten verkürzt werden. So könnte in Hannover ein „Takttreffen“ früher erreicht werden. 17 Minuten sollen dabei durch eine Neubaustrecke für 300 km/h zwischen Bielefeld und Seelze bei Hannover gewonnen werden. Da diese Geschwindigkeit eine gerade und flache Linienführung verlangt, gibt es nicht viel Spielraum für die Linienführung. Vertreter der Grünen sowie Umwelt- und verkehrspolitische Gruppen und Einzelpersonen haben daher den möglichen Trassenverlauf skizziert und sich zu einer Ortsbesichtigung entschlossen.

 

Landschaft ungeeignet, Tunnel

Die Besichtigung sollte deutlich machen, was den Planern im Bundesverkehrsministerium mangels Ortskenntnissen bislang nicht aufgefallen ist: Die Landschaft ist für eine Hochgeschwindigkeitstrasse ungeeignet. Unsere Vorfahren hatten gute Gründe, die Bahnstrecke bei Porta durch das Wesertal zu führen, um dem Berg auszuweichen und natürlich die Stadt Minden zu erreichen. Eine Hochgeschwindigkeitsstrecke kann sich unserer hügeligen Landschaft nicht anpassen. Schon eine vor 20 Jahren diskutierte Streckenbegradigung zwischen Porta und Stadthagen sah einen Tunnel durch den Jakobsberg vor. Die jetzt geplante Neubaustrecke würde noch einen deutlich größeren Eingriff in die Landschaft darstellen, da sie zahlreiche Kunstbauten benötigt. Die 90 km lange Variante, die in Bielefeld abzweigt, würde beispielsweise in Vlotho die Kurgebiete Bad Seebruch und Senkelteich untertunneln müssen und durchschneidet Landschafts- und Naturschutzgebiete in Porta Westfalica. Letzteres gilt auch für eine mit 60 km kürzere Variante ab Bad Oeynhausen, bei der die Bestandsstrecke bis Bielefeld für höhere Geschwindigkeiten ausgebaut würde. Auch das Wesergebirge könnte nur mit einem Tunnel gequert werden. Gutachtern zufolge muss mit Baukosten von bis zu 3 Milliarden Euro gerechnet werden.

 

Teilnehmer*innen

Verwunderte Blicke erntete die Gruppe, die am Freitagnachmittag durch Porta fuhr und an mehreren Stellen in der Mitte der Landschaft Halt machte. Neben MdB Britta Hasselmann gehörten der illustren Gruppe an Albrecht von Lochow, der Umweltbeauftragte der Stadt Porta Westfalica, der grüne Landratskandidat Siegfried Gutsche, der Verkehrsingenieur und Leiter der Verkehrs-AG der OWL-Grünen Stephan Schröder, der Naturschutz- und Heimatpfleger vom NHP Herbert Wiese, die parteilose Bürgermeisterkandidatin von Porta, Anke Grotjohann, Vertreter von NABU,  sowie Vertreterinnen der grünen Kreistagsfraktion, u.a. Fraktionsvorsitzende Cornelia Schmelzer. Geladen hatte die verkehrspolitische Sprecherin der Kreistagsfraktion, Melanie Hövert, die durch den Nachmittag führte.

Landratskandidat und Kreistagsmitglied Siegfried Gutsche über die Konsequenzen der Trasse für die Mindener Wirtschaft, daneben v.l. Karin Bohrer, Mitglied der Grünen Petershagen, Anke Grotjohann, Bürgermeisterkandidatin in Porta und Melanie Hövert, verkehrspolitische Sprecherin der grünen Fraktion im Kreistag.

 

Zerstückelung der Landschaft

Neben der technischen Fragwürdigkeit der Planungen machte den Teilnehmern die zu erwartende Zerstückelung der Landschaft, insbesondere südlich von Porta Westfalica, Sorgen. Tendenziell soll sich die Trasse an den Verlauf der A2 anpassen. Von Autobahnen müssen aber Abstandsregelungen gewahrt bleiben, zudem kommen Befestigungsanlagen für die fest betonierte Hochgeschwindigkeitstrasse dazu. Die Trassenbaustelle für die etwa 20 Meter breite Trasse würde daher etwa 65 Meter breit sein. Die Streckenführung verläuft dabei voraussichtlich durch viele Landschaftsschutzgebiete, teils Renaturierungsgebiete oder sogar durch Naturschutzgebiete wie das Holzhauser Mark und den Schwatten Paul. In Eisbergen bei der möglichen Tunneleinfahrt befinden sich gut funktionierende kleinere landwirtschaftliche Betriebe – Bergbauern, die eine idyllische Landschaft geschaffen haben, die einen Teil des touristischen Reizes ausmachen. Aber nicht nur der Tourismus, auch die Einheimischen wären betroffen:

 

 

Wasserschutzgebiet

Eine der Stationen war am Rande des Einzugsbereichs des Wasserschutzgebietes Porta-Westfalica, das auch Bad Oeynhausen und Minden, mit hochwertigem Trinkwasser versorgt. Weiterhin befinden sich mehrere Brunnenanlagen entlang der Huxhöhe, Sandstraße und dem Atemweg. Hier würde die Trasse in einem tiefen Einschnitt verlaufen. „Eine solche Maßnahme im Wasserschutzgebiet, das für das Trinkwasser eines großen Teils der Region aufkommt, ist mehr als fragwürdig“ erläutert Melanie Hövert und fragt: „Ist diese Planung, mit seiner Zerschneidung landschaftlicher Flächen und Zerstörung von touristischen Reizen wirklich nötig für eine Fahrtzeitverkürzung, deren Nutzen zweifelhaft ist?“

 

Wirtschaft

Landratskandidat und Kreistagsmitglied Siegfried Gutsche verwies auf die zu erwartenden wirtschaftlichen Folgen des Projekts. Würde diese Trasse beschlossen, könnte Minden vom Fernverkehr umfahren werden und Eisenbahnunternehmen sich gegen einen Halt in Minden zugunsten der kürzeren Strecke entscheiden. „Das hätte für Minden und die Region weitreichende Konsequenzen“, erläutert Landratskandidat Siggi Gutsche. „Minden ist zurzeit mit 250 Mitarbeitern in NRW der einzige Standort der  DB Systemtechnik. Ein DB-Standort in einer Stadt mit lediglich regionaler Schienenverkehrsbedeutung würde sicherlich verlegt werden, so dass diese Arbeitsplätze bedroht sind. Auch das Regionale 2020 Rail Campus OWL macht dann auf lange Sicht keinen Sinn mehr“ prognostiziert Gutsche.

 

Alternativen

Grundsätzlich begrüßte die Gruppe die Überlegung, mit dem Deutschlandtakt sinnvolle und verlässliche Verknüpfungen der verschiedenen Strecken im deutschen Schienennetz zu schaffen. Die geplante Neubaustrecke jedoch wurde als nicht durchführbar und unverhältnismäßig eingeschätzt. „Sie ist für den Deutschlandtakt auch nicht notwendig“ erklärte Stephan Schröder, der die Fahrzeiten nachgerechnet hat. „78 Minuten sind eine hervorragende Fahrzeit zwischen zwei Taktknoten im Halbstundentakt. Hier geht es nur darum, eine der schnellsten Verbindungen Deutschlands zwischen Rhein-Ruhr und Berlin auf Biegen und Brechen noch schneller zu machen. Die eigentliche Idee des Deutschlandtaktes, Kapazitätsengpässe aufzuzeigen und sinnvoll und effizient zu beseitigen, gerät völlig in den Hintergrund.“ Dazu sei eine zweite Strecke zwischen Minden und Wunstorf, für die schon seit Jahrzehnten eine Trasse freigehalten werde und die Wiederinbetriebnahme des zweiten Gleises zwischen Löhne und Elze der bessere Weg. Schröder hat für die Grünen die Bahnstrecken im OWL analysiert und zahlreiche Verbesserungsmöglichkeiten ausgemacht wie zusätzliche Bahnsteige in Löhne, Bad Oeynhausen und Porta Westfalica, durch die Nahverkehrszüge alle vier Gleise der Strecke nutzen und schnelleren Zügen „Platz machen“ könnten. „Die Finanzmittel sowie Planungs- und Baukapazitäten für solche Maßnahmen fehlen uns, wenn alles auf die Hochgeschwindigkeitsstrecke fokussiert wird“, befürchtet er.

Die Gruppe teilte die Prioritätensetzung und sah dadurch auch den Bahnstandort Minden als gesichert an, damit Fernverkehrsverbindungen auch von möglichst vielen Menschen ohne größere Anreisen an gesonderte Knotenbahnhöfe erreichbar seien. „Eine halbe Stunde Fahrtzeitverkürzung, die man dann für eine verlängerte An- und Abreise verbraucht ist kein Gewinn“ fasste Hövert zusammen.

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